SEBRA-Buchtipp

Die hier vorgestellten Titel lohnen ebenfalls einen näheren Blick:

.

Die Informanten
Kälte in den Tropen

von Juan Gabriel Váquez
384 Seiten
Gebundene Ausgabe, 2010
Schöffling & Co, Frankfurt a.M.
ISBN-10: 3895610059
EUR 22,90


Der allseits gelobte Roman des kolumbianischen Autors mit Wohnsitz in Barcelona hat nichts gemein mit den Vorstellungen, die man sich gemeinhin von Prosawerken aus Lateinamerika macht, der Ton ist nicht schwelgerisch, sondern nüchtern, beinahe klinisch nackt, die Farben sind nicht opulent, sondern düster, das Thema nicht fantastisch überhöht, sondern moralisch rigide. Das liegt zum einem am Schauplatz der Geschichte, dem Bogotá der 1990er Jahre mit Rückblenden und Bezügen auf die 1940er und 1950er Jahre, zum anderen an einer komplizierten intellektuellen Vater-Sohn Beziehung, die der Geschichte ihren Rahmen verleiht und sie behutsam wie verstörend vorantreibt.

Die Eingangsszene ist anspielungsreich und zugleich lakonisch, ein Telefonat des Vaters, mit dem er den Sohn erstmals in seine Wohnung im Stadtteil Chapinero einlädt, während über Bogotá einer dieser sintflutartigen Wolken- brüche niedergeht, die so charakteristisch für die Stadt während der Regen- monate sind, und den Straßenverkehr regelmäßig und binnen Kürze lahmlegen können. Vásquez weitet das Bild aus auf ein scheinbar nebensächliches Detail, eine unvorsichtige Taxifahrerin, die während des Unwetters ertrinkt, weil sie aus ungeklärten Gründen unter die Karosserie ihres Wagens geraten war. Ein großes Unwetter, ein rätselhafter Zwischenfall, so könnte auch ein Roman von Vásquez weltberühmten Landsmann Gabriel García Márquez beginnen. Doch damit sind die augenfälligen Gemeinsamkeiten der beiden kolumbianischen Schriftsteller schon weitgehend aufgebraucht. Die Vater-Sohn Geschichte nimmt bei Vásquez keinen fantastischen, sondern einen bedrohlich realistischen Verlauf, an dessen Ende, so viel sei verraten, der Vater stirbt und der Sohn mit offenen Fragen zurückbleibt. Erträumt oder erlebt? Die Konturen von Imagination und Wahrheit verschwimmen. Im Großstadtmoloch von Bogotá gibt es keine menschliche Nähe oder Vertrautheit unter den Akteuren, ob unter Bekannten oder Verwandten. Hinter den Gesten und veräußerten Gefühlen verbergen sich Abgründe und Untiefen. Insoweit ist „Die Informanten“ auch ein moderner Großstadtroman, eine Gattung, die in Kolumbien im Gegensatz zu Argentinien (Buenos Aires) oder Peru (Lima) noch jung ist.

Der Ursprung der Geschichte liegt in den 1940er Jahren als die kolumbianische Regierung, die offene Sympathien mit Nazideutschland hegt, ausgelöst durch den japanischen Luftangriff auf Pearl Harbor an der Seite der Vereinigten Staaten in den Krieg eintritt. Unmittelbare Folge der veränderten politischen Ausrichtung ist die Einführung einer „schwarzen Liste“, die all diejenigen Personen betrifft, von denen angenommen wird, dass sie sich der Politik der Vereinigten Staaten entgegenstellen, und damit in erster Linie die kleine, aber wirtschaftlich bedeutsame deutsche bzw. deutschstämmige Kolonie im Land, deren Angehörige sich nunmehr Repressalien ausgesetzt sehen, die bis zur Internierung reichen werden.

Dazu zählt auch der Kleinunternehmer Konrad Deresser, dessen Ehe in Folge der Internierung zerbricht, dessen Vermögen beschlagnahmt und dessen Leben zerstört wird. Der feinsinnige Deresser ist kein Nazi, doch er gerät durch das Zutun des Vaters des Erzählers, des jungen Rechtsanwaltes Gabriel Santoro, auf die schwarze Liste. War Gabriel Santoro nun der Informant, der das Unglück des Konrad Deresser verschuldet hat, war er der Denunziant, der den armen Deresser bei den Behörden anschwärzte und ihn damit der Unglücksseligkeit überantwortet hat? Der Erzähler kommt dem Vater auf die Schliche, als er das Leben der Jüdin Sara Gutermann, einer Jugendfreundin des Vaters für sein erstes Buch recherchiert. In den 1940er Jahren traf sich die deutsche Gemeinde regelmäßig im Hotel der Familie Gutermann in der ländlichen Idylle von Boyacá ebenso wie das politische Establishment, und bis dorthin reicht die Geschichte zurück. Fünfzig Jahre später, Bogotá Anfang der 1990er Jahre, holt die alte Geschichte den am Herzen erkrankten Santoro Senior, nunmehr ein hoch- geachteter Philosophieprofessor, erneut ein. Vater und Sohn misstrauen einander, gehen sich aus dem Weg, belauern sich und versuchen eine zaghafte Annäherung, die misslingt. Die bedrückende Last der Vergangenheit lässt sich nicht abschütteln. In vielfältig verschachtelten Erzählsträngen wechselt das Geschehen zwischen der Gegenwart und den 1940er Jahren. Vásquez gelingen einfühlsame Psychogramme seiner Figuren, seine kunstvolle Sprache, wenn auch gelegentlich zu detailversessen und etwas gekünstelt, erzeugt eine Direktheit an klinischer Schärfe, die man bislang von Schriftstellern aus Latein- amerika nicht kannte. Dieser präzise Stil offenbart das ganze moralische Dilemma der modernen Großstadtgesellschaft am Beispiel Bogotá. Die kolumbianische Hauptstadt ist hier ein wichtiger Protagonist und nicht bloß Kulisse. Vásquez gestattet uns einen spannenden Blick hinter die Fassaden der sonst geschlossen bleibenden Wohnungen, ihm gelingen wie feine Vignetten gefertigte Stimmungsbilder, die nur derjenige zu erzeugen vermag, der der Stadt in fortwährender Hassliebe verbunden ist. Man kann sich für diese Geschichte keinen geeigneteren Schauplatz denken als Bogotá. Bezeichnend, die Eises- kälte der Nacht, der ständige Regen, das „verfluchte Bogotá mit seinen roten Ampeln in den Nachtstunden, die man zu überfahren sucht“ um auf keinen Fall anhalten zu müssen, es ist das Bogotá zu Beginn der 1990er, zu Beginn der Neuerungen, der neuen Verfassung von 1991, der Liquidierung von Drogenboss Pablo Escobar 1993, vor Apertura und aufziehendem Freihandel, in einer Hauptstadt, die noch ganz bei sich selber ist, und deren Blick noch stärker auf die Vergangenheit als die Zukunft geheftet ist.

Die Geschichte kann kein versöhnliches Ende nehmen, die Nachfahren von Täter und Opfer bleiben sich fremd. Die angerichtete Verstörung auf beiden Seiten ist und bleibt vorerst in Kolumbien ein brandaktuelles Thema. Die jüngst medial präsentierte Aussöhnung zwischen dem Sohn Pablo Escobars und dem Sohn des im Auftrag des einstigen Drogenbosses ermordeten früheren Justizministers Lara Bonilla stellt daher zumindest vorerst einen, wenn auch bemerkenswert hoffnungsstiftenden, Ausnahmefall dar. So einfach macht es uns Vásquez nicht. Sein Roman „Die Informanten“ ist keine einfache Lektüre, er wirft mehr Fragen auf, als er löst. Je mehr hypothetische Antworten dem Erzähler in den Sinn kommen, umso stärken führen sie in die Irre, in ein labyrinthisches Seelenwerk des Erzählers und seiner Figuren. Eine interessant verschränkte kolumbianisch-deutsche Geschichte, die viele Türen öffnet, ein großes Buch eines vielversprechenden Autors.

© Frank Semper, 2011



SEBRA-Buchtipp

Héctor Abad - Brief an einen Schatten

Kein Schweigen, das nicht endet
- Sechs Jahre in der Gewalt der Guerilla -

von Ingrid Betancourt
736 Seiten
Gebundene Ausgabe, 2010
Droemer
ISBN-13: 978-3426275481
EUR 22,99

Sechseinhalb Jahre in der Hölle

“Kein Schweigen, das nicht endet” zitiert eine Zeile des chilenischen Dichters Pablo Neruda und ist das Dokument einer Selbstfindung, ein gewichtiges Stück Bekenntnisliteratur.

Ingrid Betancourt versucht ihre sechseinhalb Jahre währende Gefangenschaft bei der kolumbianischen Farc-Guerilla fassbar und erfahrbar zu machen. Sie erzählt auf über 700 umfangreichen Seiten von den schmerzhaften Erlebnissen und Erfahrungen jener bitteren Jahre, ehrlich, ohne falsche Larmoyanz und peinliche Nabelschau. Sie hat sich mit der Abfassung ihres Textes, der ohne professio- nelle journalistische Assistenz entstanden ist, zwei Jahre Zeit gelassen und ihre schwere Leidenszeit in einer detailgetreuen und literarisch ambitionierten Schilderung verarbeitet. Einige ihrer Mitgefangenen haben bereits zuvor persön- liche Berichte veröffentlicht, die in Kolumbien regelmäßig zu Bestsellern avancieren, unter anderem, die mit ihr gemeinsam verschleppte einstige Wahlkampfleiterin Clara Rojas, die drei US-amerikanischen Militärberater Marc, Keith und Tom oder der in einer mutigen Flucht seinen Peinigern entkommene Polizist Pinchao, ausnahmslos interessante und bewegende Erlebnisschilde- rungen, die aber überwiegend deskriptiv, ohne reflektierende Introspektion verfasst wurden und daher recht oberflächlich bleiben. Betancourt sucht weitergehend nach dem tieferen Sinn der sechseinhalb “verlorenen” Jahre im Dschungel.

Vom Leben der anderen Geiseln wusste man in der Öffentlichkeit vor ihrer Geiselhaft nichts. Ingrid Betancourt hingegen war die schillernde Präsident- schaftskandidatin der allerdings chancenlosen grünen Partei Oxígeno Verde und amtierende Senatorin, als sie am 23. Februar 2002 an einer Strassensperre auf dem Weg in die soeben aufgelöste entwaffnete Zone von einer Einheit von Farc-Kämpfern gekidnappt wurde. Betancourt entstammt einer Diplomatenfamilie aus Bogotás besseren Kreisen, sie hat neben dem kolumbianischen auch den französischen Pass, sie ist in beiden Ländern aufgewachsen und sowohl mit dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy als auch dessen politischen Widersacher Dominique de Villepin befreundet. Ingrid Betancourt ist in den beiden Ländern zuhause, aber das ländliche Kolumbien kennt sie bis zum Tage ihrer Entführung kaum, den Amazonasdschungel sieht sie zum allerersten Mal. Ihre herausragende Stellung im Licht der internationalen Öffentlichkeit macht Ingrid Betancourt zum wohl wichtigsten Faustfand der Farc-Guerilla in den Verhandlungen mit der kolumbianischen Regierung um den immer wieder erwogenen Austausch von Gefangenen, sie wird zur “bekanntesten Geisel der Welt”. Das verschafft ihr während der Geiselhaft keine Privilegien, im Gegenteil, sie ist in gesteigertem Maße Schikanen und Misshandlungen ausgesetzt, umso länger die Geiselhaft andauert.


Solidarität mit Ingrid Betancourt und den anderen FARC-Geiseln (Bogotá, Frühjahr 2006)

Ingrid Betancourt ist es gewohnt, gegen erlittenes Unrecht und Ungerechtig- keiten die Stimme zu erheben. Sie muss lernen, ihre anfängliche impulsive Auflehnung gegen die Willkür ihrer Wächter in sublimere Formen zu kleiden, und sie trotzt sich ein Schweigen ab, dass zu ihrer stärksten Waffe im Widerstand gegen die Gemeinheiten der Guerilla wird. Nach zwei gescheiterten Flucht- versuchen wird sie in Ketten gelegt und wiederholt von den anderen Gefangenen isoliert. 2007 gelangt ein erschütterndes Foto von ihr an die Öffentlichkeit, das zeigt sie bis auf die Knochen abgemagert, angekettet an einen Baumstamm, stumm, den Blick nach unten gerichtet. Die Farc wollten ein (geschöntes) Lebenszeichen senden, aber die ungeschminkte Wahrheit lässt sich nicht länger unterdrücken. Die Farc-Kommandanten sind üble Menschenschinder, moralisch verkommen und schon lange ohne eine politische Zielsetzung. Die Guerilla ist ein jämmerlicher Haufen, der ein Schreckensregiment im Dschungel ausübt. Die sechseinhalb Jahre sind ein scheinbar nicht enden wollendes Martyrium von Gewaltmärschen in Fesseln und Bootsfahrten im Dieselgestank, erlittenen Demütigungen durch die Peiniger und zermürbenden Zerwürfnissen unter den Mithäftlingen. Sie sind aber auch geprägt durch Verständnis und Mitgefühl für das Leiden der anderen und Auslöser für den wachsenden Glauben der Autorin. In der Dschungelhaft verblasst ihr politischer, nicht selten naiver und wenig erfolgreicher Aktionismus der frühen Jahre. Das Buch lässt sich auch als die Abkehr von der klassischen Politik werten. Die politischen Ränkespiele hat Betancourt weder gemocht noch beherrscht, aber in Kolumbien muss man an ihnen vermutlich noch mehr als anderorts teilnehmen, um die Macht zu erlangen. Politik spielt in diesem Buch nur am Rande eine Rolle. Im Mittelpunkt steht der ungebrochene Freiheitswille und das Ringen um den Erhalt der eigenen Identität in der Gefangenschaft. Wenn die Autorin ihre Fluchtversuche schildert, die beinahe zum Erfolg geführt hätten, dann erlebt der Leser dies besonders intensiv mit. Dann stimmt sie eine Hymne auf die Erlangung der Freiheit durch die Flucht an, die das Leben selbst meint, da ist Betancourt ganz nah bei Henri Charriére (“Papillon”) mit seinen wilden Fluchtgedanken aus dem Dschungelknast von Französisch-Guayana. Aber es gibt noch eine andere Ingrid Betancourt, die Spirituelle, die sich in das Studium der Bibel vergräbt, die den Rosenkranz betet, die mit Gott und der Familie Zwiesprache hält, mal in Gedanken oder über das Radio, das einzige Medium zur Außenwelt in diesem Labyrinth, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint.

Das kolumbianische Amazonasgebiet ist vermutlich der einsamste Ort der Welt, abgeschnitten von der Außenwelt, isoliert vom Zeitenlauf und daher oft Schauplatz und zugleich Sinnbild in der kolumbianischen Literatur, ob in La Vorágine von José Eustasio Rivera oder den Maqroll-Romanen von Álvaro Mutis. Aber bei Betancourt hat der Dschungel so gut wie jeden Zauber verloren, ihn umgibt nichts Erhabenes oder gar Feierliches, ob real oder erträumt. Zwar tauchen gelegentlich Anacondas und Kaimane aus dem Wasser auf, aber im Angesicht der Schrecknisse und Verletzungen, die sich die Menschen einander zufügen, sorgen die wilden Tiere allenfalls für Lokalkolorit. Dort, wo die Farc-Guerilla ist, ist die Natur ein ebenso geschundener Körper wie der der Gefangenen, eine gemarterte Welt aus verlausten Matratzen und stinkenden Latrinen, die wie die Kleidung am eigenen Leibe in Fetzen hängt.

Als der Helikopter sie schließlich in die Freiheit trägt, hat Ingrid Betancourt ihre geistige Freiheit schon erkämpft. Sie ist eine beeindruckende Persönlichkeit mit unerschütterlichem Engagement und hoher moralischer Integrität, echt und überzeugend.

© Frank Semper, 2010


SEBRA-Buchtipp

Brief an einen Schatten
Ein bewegender Einblick in das Drama Kolumbiens

von Héctor Abad
194 Seiten
gebundene Ausgabe, 2009
Berenberg Verlag, Berlin

ISBN-10: 3937834281
EUR 24,00



Der Vater des Schriftstellers Héctor Abad wurde am 25.August 1987 mutmaßlich von einem paramilitärischen Killerkommando in Medellín auf offener Straße erschossen, zu einer Zeit, als die Stadt von einer Welle der Gewalt, einer schlimmen Hexenjagd auf Linke, Gewerkschafter und kritische Intellektuelle heimgesucht wurde. Erst zwanzig Jahre nach dem gewaltsamen Tod sah sich der Autor in der Lage, dem geliebten Vater ein literarisches Denkmal zu setzen und zeichnet das Portrait eines aufrechten und sensiblen Menschen, der öffentlich gegen die im Land verübten Menschenrechtsverletzungen Stellung bezieht und sein Engagement mit dem Leben bezahlt.

Abad gewährt uns einen persönlich bewegenden Einblick in das Drama Kolumbiens am Beispiel der eigenen Familiengeschichte. Dabei ist sein Buch mehr als eine ergreifende Vater-Sohn Beziehungsgeschichte, es ist zugleich ein beachtenswertes Stück Literatur zum tieferen Verständnis des verzehrenden kolumbianischen Konflikts und der zerstörerischen Wirkung eines untätigen Staates, der weder seine Kräfte wirkungsvoll einsetzt, um seine Bürger angemessen vor ideologisch motivierter oder schlichtweg krimineller Gewalt zu schützen, noch in der Lage ist, die Täter einer gerechten Bestrafung zuzuführen.
Héctor Abad (geb. 1958 in Medellín) zählt noch zur jüngeren Generation kolumbianischer Schriftsteller, die nach dem gewaltigen und mit den Jahren kaum geringer gewordenen Einfluss den Gabriel García Márquez auf der Weltbühne der Literatur nach wie vor ausübt, eine Erzählweise jenseits des magischen Realismus suchen, ohne der Übermacht des Literaturnobelpreis- trägers je ganz entkommen zu können, wobei bisweilen nur schwer festzustellen ist, ob es dem starken Sog der von Gabriel García Márquez entworfenen literarischen Kompositionen in Bezug auf Themen und Personen oder den widersprüchlichen Zuständen Kolumbiens zuzuschreiben ist, dass die besten Autoren des Landes, und dazu zählt Héctor Abad ohne Frage, ähnliche Themen intensiv bearbeiten.

In diesem ungeschminkt autobiografischen Bericht prallt eine vielfältig verästelte Familiengeschichte, deren Beziehungen von Wärme und Geborgenheit geprägt sind, beinahe ungebremst auf die gewalttätige Außenwelt des Landes, die die Idylle zum Einsturz bringt. Umgeben von vier Schwestern wächst der Autor als einziger Junge in einer Familie der intellektuellen Mittelschicht im Stadtteil Laureles in Medellín auf. Der Vater ist Mediziner und jahrzehntelang als Professor an der Universität von Antioquia beschäftigt, ein sozialengagierter Forscher und erklärter Freigeist, nach Einschätzung des Sohnes gänzlich unpraktisch veranlagt, was handwerkliche Fertigkeiten betrifft. Die Mutter baut in wenigen Jahren ein erfolgreiches Hausverwaltungsbüro auf. Beide Elternteile stammen aus ganz unterschiedlich geprägten Familien. Der Vater aus einem liberal und agnostisch gesinnten Elternhaus, die Familie der Mutter hingegen ist streng katholisch, und einige ihre Brüder schlagen die Priesterlaufbahn ein. Während in der kolumbianischen Politik des 20. Jahrhunderts diese beiden konträren Denkweisen in die Katastrophe der Violencia von 1948 einmünden, bereichern sie das Leben des jungen Héctor Abad, der sich gleichermaßen von religiöser Inbrunst wie philosophischer Vernunft angezogen fühlt und mit beiden Elementen auf spielerische Weise umzugehen versteht. Abad wächst in einem intellektuell offenen, vielfältigen und sinnenfrohen Klima auf. Er verlebt eine glückliche und unbeschwerte Kindheit und Jugend.

Am Rande sei erwähnt, dass zwei führende Politiker, die heute die Geschicke des Landes bestimmen und dabei ganz unterschiedliche Ziele verfolgen, in jenen Jahren auch die Wege der Familie Abad kreuzen. Carlos Gaviria, augenblicklich der Vorsitzende des Polo Democrático Alternativo, der bedeutendsten Oppositionspartei im Land, wurde im selben Ort wie der ermordete Héctor Abad Gomez geboren und war ein politischer Weggefährte, dessen Integrität und Loyalität der Autor wiederholt erwähnt. Präsident Àlvaro Uribe hingegen soll schon in jungen Jahren ein gewiefter Taktiker gewesen sein, und nachdem er von der Schwester des Erzählers abgewiesen wurde, sein geliebtes Reitpferd nach ihr benannt haben, wie Abad nicht ohne einen bitteren Nachgeschmack zu hinterlassen, vermerkt.

Die ersten Kapitel des Buches werden aus dem nur vordergründig naiven Blick des Kindes geschildert. Mit dem Heranwachsen gewinnt auch die Stimme des Icherzählers an Nachdenklichkeit und Tiefgang. Der gemütliche Plauderton der ersten Seiten verflüchtigt sich rasch. Mit dem Älterwerden wird das Bewußtsein um die Zerbrechlichkeit und Endlichkeit des trauten Familienglücks stets deutlicher und erhöht die Spannung der Lektüre. Wie will man im trauten Familienkreise unbeschwert glücklich sein, wenn draußen Elend und Ungerechtigkeit herrschen? Das bevorstehende Unheil bricht jedoch zunächst nicht durch die Außenwelt im Hause Abad ein, sondern bemächtigt sich in Form einer tödlich verlaufenden Krebserkrankung der jungen Marta. Und vom Krebstod der Schwester 1972 leitet der Erzähler zur Ermordung des Vaters fünfzehn Jahre später über. Der frühe Tod der Tochter verstärkt das politische und soziale Engagement des Vaters, der sich dadurch der Gefahr aussetzt, von den Herrschenden aus dem Weg geräumt zu werden. „Aber wenn die Lebensfreude dahin ist, wird die Option, sich für eine gerechte Sache töten zu lassen, attraktiver,“ versucht der Sohn eine Erklärung für den Gemütszustand des Vaters nach dem Tod der Tochter zu geben.

Héctor Abad Gomez wird ermordet, als er als liberaler Kandidat für das Bürgermeisteramt von Medellín kandidiert. Noch kurz vor dem Attentat warnt ihn ein Journalist, und lässt ihm die Liste mit den Todeskandidaten zukommen, die von den paramilitärischen Banden als Sympathisanten der Linksguerrilla und Kommunisten auserkoren wurden, um sie bei Gelegenheit zu beseitigen.
Der Genannte erschrickt nicht, zieht nicht etwa die Kandidatur für das angestrebte Amt zurück, flieht nicht ins Exil, sondern steckt die Liste in die Tasche, fühlt sich in seinem Tun bestärkt, sogar von Stolz erfüllt, und macht sich auf, an der Trauerfeier für einen gerade erst ermordeten Freund zu sprechen, als ihn nun ebenfalls die Schüsse aus der Waffe gedungener Mörder niederstrecken.

Es gehört zum Drama Kolumbiens, dass Morddrohungen öffentlich bekundet und unter den Augen der Gemeinschaft scheinbar ungestört vollstreckt werden können, ein unerhörter Vorgang, der einem kollektiv verkündeten Todesurteil gleichkommt. Gabriel García Márquez hat den verhängnisvollen, ausgerechnet dem Opfer verborgen bleibenden Mechanismus der vielfachen Mitwisserschaft, die dem unaufhaltsamen Geschehen bis zum Mord einen bestimmenden Rahmen setzt, in der Chronik eines angekündigten Todes minutiös beschrieben.

Die Untersuchung des Mordes an Héctor Abad Gomez verläuft im Sande, aber einige Zeit später brüstet sich der Anführer der paramilitärischen Verbände AUC Carlos Castaño öffentlich der Ermordung der Menschenrechtsaktivisten in Medellín.

Die Namen von Vater und Sohn unterscheiden sich nur durch den zweiten Nachnamen, so dass in der Person des Autors nach der Ermordung des Vaters das Bewußtsein der eigenen Lebensbedrohung in gesteigerter Form überfällt und ihn zwingt das Land zu verlassen, um über viele Jahre im Ausland zu leben.
Héctor Abads Geschichte ist keine Parabel, der Autor ist persönlich betroffen und das macht die Stärke seiner Prosa aus. Wenn das Charakteristikum großer Literatur ihre Mehrdeutigkeit und Ambivalenz darstellt, trifft das auf die literarischen Beschreibungen von Gabriel García Márquez fast immer zu. Der Literaturnobelpreisträger entzieht sich in seinen Werken (anders als in seinen raren öffentlichen Meinungsäußerungen) eindeutigen Zuschreibungen und erst recht der Parteinahme für die eine oder andere Seite.

Die persönliche Geschichte Abads hingegen gipfelt in der Anklage gegen die Schuldigen des Verbrechens, die durch die Paramilitärs beauftragten Killer, die sich wiederum der Rückendeckung durch Teile des staatlichen Militär- und Geheimdienstapparates sicher sein können. Es ist an der Zeit, dass die Schuldigen beim Namen genannt werden, denn nur so kann das Land den Teufelskreis aus fortgesetztem Morden und nachfolgender Straflosigkeit durchbrechen. Gerade aber weil der Autor die persönliche Wut und Verzweiflung überwunden hat, gerät er nicht in propagandistisches Fahrwasser. Auch das ist ein Verdienst dieser Geschichte mit der Héctor Abad seinen Vater dem Vergessen entrissen und dabei ein kleines Meisterwerk geschaffen hat.

© Frank Semper, 2009

SEBRA-Buchtipp

Héctor Abad - Brief an einen Schatten