Nah Dran Bolivien
Mit ausführlichen Trekkingteil

von Hella Braune, Frank Semper
536 Seiten,
EUR 23,90
ISBN-10: 3-939602000
ISBN-13: 978-3939602002

Die aktuelle Neuauflage ist im Mai 2010 erschienen.





LESEPROBE

(aus dem Kapitel: "Vergangenheit und Gegenwart")

Evo Morales und die 'Neugründung Boliviens'

Bereits vor Abhaltung von Neuwahlen zum Parlament und Präsidentenamt am 18.12.2005 war die bislang bestehende Parteienlandschaft vollständig erodiert. Schon bei den Kommunalwahlen im Dezember 2004 hatte sich abgezeichnet, dass soziale Bewegungen und indigene Völker in Zukunft das politische und gesellschaftliche Spektrum in Bolivien bestimmen würden, angeführt vom Chef der Cocalerogewerkschaft und Führer des MAS (Movimiento al Socialismo), Evo Morales, sowie dem Exponenten einer radikaleren Strömung, Felipe Quispe vom MIP, der allerdings bei den jüngsten Präsidentschaftswahlen von 2009 in der Wählergunst ebenso klar eingebrochen ist wie alle anderen Kandidaten der Opposition. Der Wahlausgang von 2005 bedeutete einen überwältigenden Sieg für Evo Morales als er mit annähernd 54 % die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen erringen konnte. Mit großer Begeisterung feierte die indigene Mehrheit den Wahlsieger, mit Argwohn schaute das Ausland, zumal die USA auf die weitere Entwicklung in Bolivien. Evo Morales formulierte ehrgeizige Ziele und nutzte den überwältigenden Rückhalt in der Wählerschaft, um die Erdgasproduktion alsbald zu nationalisieren. Anschließend ließ die Regierung Morales die Wahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung (Asamblea Constituyente) ausrufen, die Anfang Juli 2006 abgehalten wurden, und erneut konnte der MAS die absolute Mehrheit erringen. Der Auftrag an die Verfassungsgebende Versammlung, die am 6. August 2006 erstmals zusammentrat und bis Ende 2008 tagte, war die Verabschiedung einer neuen Verfassung, mit dem Ziel der 'Neugründung Boliviens'. Kaum hatte die Versammlung ihre Arbeit aufgenommen, musste sich der Präsident mit den aufmüpfigen Präfekten der vier Tieflanddepartements herumschlagen, die umfangreiche Autonomieregelungen für ihre Provinzen einfordern, die von den Bewohner des Altiplano, die auf die Einheit des Landes pochen, ebenso rigoros zurückgewiesen werden. Beim Streit mit den Departements des sog. Halbmondes Beni, Santa Cruz, Tarija und Pando geht es um die 'gerechte' Verteilung des erwirtschafteten Wohlstandes unter den Regionen. Die östlichen und südlichen Departements haben in den Bereichen Agro-Business und Energie in den vergangenen Jahren große Gewinne erwirtschaftet, die sie nicht länger mit den armen und strukturschwachen Hochlandregionen teilen wollen. Die Aufwertung des 'indigenen Faktors' durch die Morales-Administration wird von den Cambas im Tiefland als zusätzliche Benachteiligung empfunden.

Schließlich wurde die neue Verfassung dann aber doch verabschiedet und per Volksreferendum am 25. Januar 2009 mit großer Mehrheit angenommen. Während seiner ersten Amtszeit hat Morales den nationalen Energiesektor mit den YPFB an der Spitze zum wichtigsten Finanzier der staatlichen Ausgabenpolitik gemacht, die an Bedürftige, Kinder, Schwangere und Rentner reichlich Fördergelder verteilte. Mit allen internationalen Erdöl- und Erdgasgesellschaften wurden neue Verträge ausgehandelt, um dem bolivianischen Staat größere Einnahmen zu sichern. Wie nicht anders zu erwarten, begann die Regierung Morales die Kokapolitik zu entkriminalisieren und vertraut bei der Abkoppelung des legalen Anbaus der Kokapflanze von der illegalen Weiterverarbeitung zu Kokain auf die Selbstkontrolle durch die Kokabauern. Im größten Anbaugebiet, der Provinz Chapare liegen die Wurzeln des Politikers Evo Morales, hier verfügt der Mandatsträger über eine ihm ergebene Hausmacht wie eine anhängliche Wählerschaft. Allerdings ist die wirtschaftliche Bedeutung der Kokaproduktion und des Drogenhandels in Bolivien heute im Vergleich zur Situation der 1990er Jahre nicht mehr so überragend. Bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im Dezember 2009 wurde Evo Morales mit 64 % der Stimmen wiedergewählt, während es der Kandidat einer zersplitterten und ziellosen Opposition, Manfred Reyes Villa, der einstige Präfekt von Cochabamba, gerade einmal auf magere 26 % brachte. Die Regierungspartei MAS stellt nunmehr eine satte 2/3- Mehrheit in beiden Kammern des Parlamentes. Bei den bestehenden Mehrheitsverhältnissen kann der wiedergewählte Präsident den geplanten Umbau von Staat und Gesellschaft fortsetzen.