Nah Dran: Kolumbien

Neuauflage in 2006

die dritte vollständig überarbeitete und aktualisierte Neuauflage
des bewährten "Nah Dran: Kolumbien - REISEKOMPASS".


Nah Dran Kolumbien
Hella Braune, Frank Semper
ISBN 3-9805953-9-0
516 Seiten,
EUR 23,90
SEBRA-Verlag 2006




LESEPROBE

Die Insel war menschenleer,
es wimmelte aber von Schlangen,
denen einige seiner Männer zum Opfer fielen,
so dass ihm die antike schlangenköpfige Medusa in den Sinn kam.

Nationalpark Isla Gorgona

Etwa 30 Kilometer vom nächsten Punkt des Festlandes, Playa Mulatos, entfernt, liegt die Insel Gorgona. Umschlossen von immergrünem tropischem Regenwald, der zu einer Hügelkette ansteigt, scheint das Innere der Insel unergründliche Geheimnisse zu verbergen.

Ungewöhnlich für die Pazifikküste, gibt es einige Strände mit weissem Sandstrand und vorgelagerten Korallenbänken. Oft geschieht es, dass die höheren Regionen in Regenwolken gehüllt sind, während unten die Sonne scheint. Die Insel ist 8 Kilometer lang und zweieinhalb Kilometer breit.

Gorgona ist durch einen 270 Meter tiefen Graben vom Festland getrennt. Die Nähe zur Küste ebenso wie die Vegetation sprechen dafür, dass es sich um die Spitze einer versunkenen vierten Kordillere handelt. Diese reichte einst von Ecuador über die Serranía del Baudó im Chocó bis nach Panama und wurde während des Pleistozon vom Festland getrennt. Gorgona unterscheidet sich vollkommen von den sonstigen karg bewachsenen Inseln des Pazifik, wie beispielsweise dem Galapagosarchipel.

Den klangvollen Namen hat ihr Francisco Pizarro verliehen. Der künftige Eroberer landete hier 1527 auf dem Weg nach Peru zwischen. Die Insel war menschenleer, es wimmelte aber von Schlangen, denen einige seiner Männer zum Opfer fielen, so dass ihm die antike schlangenköpfige Medusa in den Sinn kam.

Bereits in präkolumbianischer Zeit war die Insel ein wichtiger Stützpunkt auf der vielbefahrenen Mittelamerika-Peruroute. In der Nähe des Besucherzentrums hat man Steinwerkzeuge in grosser Zahl, u.a. Äxte und Gewichte für Fischnetze gefunden.

Eine Felszeichnung stellt einen zoomorphen Vogel dar, der ein Verwandter der Pelikanzeichnungen von Chan-Chan, der Hauptstadt des Chimureiches, sein könnte.

In späteren Jahrhunderten wurde die Insel zum beliebten Aufenthaltsort für Piraten. Sie schätzten den Wasserreichtum - die Insel hat 28 Bäche in der Trocken-, 128 in der Regenzeit - und die günstige Lage, um die Goldschiffe aus Peru zu überfallen.

Simón Bolívar machte die Insel Friedrich Gross zum Geschenk für dessen Verdienste in der Unabhängigkeitsbewegung.

1959 erwarb der Staat die Insel, um daraus ein Gefängnis zu machen. Wie so viele paradiesische Inseln beherbergte Gorgona eine Sträflingskolonie, die erst 1984 aufgelöst wurde, woraufhin die Insel zum Nationalpark erklärt wurde.

Noch heute stehen die Schlafbaracken mit den numerierten Stockbetten und der Zellentrakt für die verschärfte Einzelhaft. Bis zu 2500 Gefangene lebten auf der 24 km² kleinen Insel. Um satt zu werden bejagten sie die Tierwelt und rotteten das Aguti, ein kaninchengrosses Nagetier, aus. Auch vor der Jagd auf die Weisskopfaffen machten sie nicht halt.

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In jüngster Zeit wurde erwogen, Gorgona erneut in einen Hochsicherheitstrakt zu verwandeln. Diesmal, um die Gangster des zerschlagenen Medellínkartells besser im Griff zu haben. Schliesslich seien die Haie die einzig Unbestechlichen, meint die Justizverwaltung. Doch dieser kuriose und unzeitgemässe Vorschlag dürfte heute selbst in Kolumbien ohne Aussicht auf Erfolg sein.

Die Ankunft auf Gorgona weckt Erinnerungen an die alte Strafkolonie. Die Gäste werden an einem Wartehäuschen in Empfang genommen. Die Einschreibung ins Gästebuch erfolgt am Stehpult. Anschliessend wird das Gepäck gefilzt. Sprays und Alkohol müssen abgeliefert werden.

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Einmalig ist die Fauna der Insel. Das Augenmerk gilt den endemischen Tierarten, von denen kurioserweise viele blau gefärbt sind. Da gibt es eine blaugefärbte Eidechse ( Anolis gorgonae ), einen safirblauen Krebs, der in den Bächen zu Hause ist und den Bläuling ( Cyanerpes cyaneus gigas ).

Die blaugefärbte Eidechse auf Gorgona (Anolis gorgonae)

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Das wohl grösste Naturschauspiel spielt sich jedoch nicht auf der Insel, sondern vor ihr ab. Im August und September ziehen die Buckelwale beinahe täglich an der Insel vorbei. Jahr für Jahr legen sie die achttausend Kilometer von der Antarktis an die kolumbianischen Gewässer zurück, um sich fortzupflanzen und ihre Jungen zur Welt zu bringen. Die Buckelwale sind die verspieltesten und akrobatischsten unter den Meeresriesen. Die liebestollen Machos sprühen in den tropischen Gewässern nur so vor Springlaune.

Vorwort und Inhaltsverzeichnis zur 3. Auflage finden Sie hier (PDF, 27 KB)