Hans Ertl in Bolivien

Ein Bild aus dem Dokumentarfilm von Wolfgang Brögs, "Hans Ertl - Bolivien Urwald",
den ich vor einigen Jahren gesehen hatte, hatte sich in meinem Kopf verfangen.
Es zeigte einen vor einer Hütte im Dschungel sitzenden bärtigen "Robinson",
der mit viel Pathos ein freies Leben beschwor. Ich konnte mich nicht mehr
an die Einzelheiten dessen erinnern, was er gesagt hatte, aber seine begeisternde Art
zu erzählen, war mit in Erinnerung geblieben und hatte die Vorstellung von
einem ungewöhnlichen Menschen, einem Querkopf hinterlassen, der den Fängen
einer genormten Gesellschaft wie durch Zufall entwischt war, gleichwohl nicht
vergessen werden wollte, und sich immer mal wieder in Erinnerung brachte.


Mich interessierte weniger der Kameramann, mehr der Abenteurer und Aussteiger Hans Ertl, mehr die Schwenk seines Lebens als die seiner Kamera.

Er hatte Südamerika noch im Urzustand erlebt und darum beneidete ich ihn, je länger ich selbst in diesem Kontinent unterwegs war. Er war in den 1950er Jahren nach Bolivien gekommen und hatte viele Gipfel in der Cordillera Real bestiegen, die nie zuvor bestiegen worden waren. Später hatte er sich dem unbekannten Tiefland zugewandt, auf der Suche nach unentdeckten Indianervölkern und überwucherten Inkaruinen, immerzu getrieben von seiner Entdecker-lust.

Ich wußte nicht, ob Hans Ertl noch lebte, denn inzwischen mußte er fast neunzig sein. Im deutschen Konsulat in Santa Cruz hörte ich von seiner Finca La Dolorida, einige Busstunden in Richtung Osten inmitten der Chiquitania, einem Landstrich am Südrand des Amazonasbeckens, in den die Jesuiten im 17. Jahrhundert vorgedrungen waren. Sie hatten begonnen, den dichten Dschungel zu roden und die umherstreifen- den Indianervölker in Missionen zusammengefaßt. Aus jener Zeit stammte ein Dutzend einmaliger Kirchen, die jahrhundertelang den Tropengewittern und dem Termitenbefall ausgesetzt waren und in den 1950er Jahren endgültig zu verfallen drohten. Die gewaltigen Tempel waren nicht aus Stein, sondern den indianischen Vorstellungen entsprechend aus Adobe, getrockneten Lehmquadern, errichtet worden. Wie im Amazonasbecken üblich, sind die Seitenwände nur ein unwesentliches Element jeder Unterkunft. Auch die Kirchendächer in der Chiquitania ruhen auf den tonnenschweren Säulen aus Sotoholz. Inzwischen wurden die meisten Kirchen in mühevoller Kleinarbeit restauriert.

Die Finca von Hans Ertl war nicht weit von Concepción, dem Zentrum der Missionen entfernt. In Santa Cruz, der nach La Paz zweitgrößten Stadt des Landes, nahm ich den Bus nach Osten. Als Hans Ertl in den 1960er Jahren den Urwald um seine Finca gerodet hatte, gab es in Santa Cruz noch keine asphaltierten Straßen und anstelle der Autos Ochsenkarren.

Die Straße führte an kilometerlangen Sojafeldern vorbei. Wir rumpelten über die schwankenden Holzbohlen der Eisenbahnbrücke über den Río Grande und erreichen das Ende der Asphaltdecke. In dem gelichteten Wald, der sich anschloß, grasten Zeburinder zwischen Palmenhainen und Granitfelsen.

Ich hatte den Fahrer gebeten, mich am Eingang zur Finca abzusetzen. Im Bus hatte es sich schnell herumgesprochen, wo ich aussteigen wollte und ein zahnloser Campesino flüsterte mir zu, "Nimm Dich in acht vor den Hunden des alten Gringo".

Der Weg führte durch ein Holzgatter, das mit einer Eisenkette an einem Poller festgemacht war. Ich öffnete das Tor. Ich hob einen Holzstock vom Wegesrand auf, um gegen die Hunde gewappnet zu sein und folgte dem Weg durch ein Wäldchen aus dichtem Unterholz, begleitet vom unermüdlichen Sirren der Zikaden.

Nach zwanzig Minuten erreichte ich eine Lichtung. In der Senke lag eine Hütte. Zur Rechten breitete sich ein Weiher aus. Direkt vor mir war ein Wappen aufgepflanzt, mit einem Herzschild aus weißen und blauen, schrägen Rauten, das von zwei Löwen gehalten wurde und das gebieterisch an die Zugehörigkeit des vor mir liegenden Landes zum "Freistaat Bayern" gemahnte.

Zwei Cuvierstukane, die in den überhängenden Ästen einer Matacupalme pickten, hielten kurz inne und schauten neugierig zu mir hinunter.

Ich ging auf die Hütte zu, dessen Dach auf einem gewaltigen Balken aus Ceibaholz auflag und bemerkte, wie ich den Knüppel noch immer fest umklammerte.

Unter dem Dachbalken befand sich eine offene Terrasse mit einem festgetrocknetem Lehmfußboden auf der einige grob gezimmerte Sessel, bezogen mit Kuhleder und ein Tisch standen. An der Adobewand hing eine verblichene Anakondahaut, ein vertrockneter Kaiman mit aufgerissenem Maul und einige Arafedern. In der Ecke stand ein auberginfarbener lederner Beutel, den ich zunächst nicht einzuordnen wußte, wohl weil ich ihn an diesem Ort nicht vermutete, es war eine Golfausrüstung. Vor der Wand befand sich ein zweiter länglicher Tisch, auf dem sich eine Katze mit ihren Jungen räkelte. Ein dünner Hund mit ockerbraunem Fell, wie er in Südamerika überall vorkommt, schaute mich ängstlich an und zog den Schwanz ein. Das konnte kaum der bissige Hund sein, vor dem mich der Zahnlose im Bus gewarnt hatte. Ich blickte auf die Veranda in der Morgensonne, wie auf ein Bühnenbild und wartete gespannt auf den Auftritt des Hauptdarstellers. Minutenlang tat sich nichts. Ich blieb vor dem Eingang zur Veranda stehen über deren Brüstungsmauern eine Stange auf Kniehöhe lag, die mich vom Eintreten abhielt. Ich wollte mich nicht unaufgefordert in eine Vorstellung hineinbegeben, von der ich nicht wußte, wie sie abliefe.

Ein Indianer mit einem Strohhut hatte mich kommen sehen: Er kam auf mich zu und rief in die Hütte hinein "Don Juan". Wir warteten und schauten auf den Holzrahmen, der mit einem Mosikotonetz bespannt war. Die Tür schlug auf und ein hagerer Mann mit wallendem schlohweißen Bart trat heraus. Hans Ertl trug eine grüne Latzhose, und seine Füße steckten in auffallend modernen Trekkingschuhen ohne Schnürsenkel. In der rechten Hand hielt er einen Wurzelstock, auf den er sich aber nicht aufstützte, denn er kam mit sicherem und beinahe federndem Schritt auf mich zu.

Die andere Hand erhob er zum Sonnenschutz über die Augen, als er mich ins Visier nahm, denn hinter mir breitete sich bereits das gleißende Licht des Tages aus.

"Wie immer bin ich geblendet von meiner Umgebung - wer Du auch sein magst, sei willkommen auf der La Dolorida".

Er bat mich auf die Veranda. Ich hatte vergessen den Stock aus der Hand zu legen und Ertl lobte meine Aufmerksamkeit, "Gut daß Du Dir einen Prügel besorgt hast, man kann nie wissen, ob man im Wald nicht einem Jaguar oder einer Horde Tropaschweise begegnet. –

Erst gestern hatten wir Jaguaralarm, was glaubst Du, was da los war. Der Jaguar hat die dreihundert Stück Vieh über die Lichtung von einer Seite zur anderen gehetzt".

Hans Ertl war an diesem Vormittag mit einer VW Werbeanzeige im SPIEGEL, seiner erklärten Lieblingslektüre, beschäftigt. Aufgeregt zeigte er mir die Anzeige des Automobilherstellers, auf der ein VW-Bus aus den 1950 er Jahren, der durch einen Cañon fuhr, abgebildet war. Das Foto war aus seinem Bolivien- Film herauskopiert und mit einem Computerprogramm bearbeitet worden. "Schau her, ich war der erste, der einen VW-Bus nach Bolivien gebracht hat".

Er schickte mich zu einer Riesenceiba in der Nähe, in dessen Krone Harpienadler ein Nest gebaut hatten: "Ich gebe Dir einen bewaffneten Führer mit".

Als ich zurückkam, hatte sich Hans Ertl auf meinen unangemeldeten Besuch eingestellt und seine Lebensgeschichte vorbereitet. Ich war nicht der erste, der ihn befragen wollte. Ertl hatte sein Leben bereits einigen Kamerateams, Radioreportern und einer ganzen Reihe von Besuchern erzählt. Routiniert schlug er den Spannungsbogen seines Abenteuerlebens, das mit den Bergbesteigungen in den Alpen begonnen hatte. Der Ortler in Südtirol war die Herausforderung der Alpinisten in den 1930er Jahren gewesen. Hans Ertl hatte Lichtbildvorträge über seine waghalsigen Bergtouren veranstaltet und mit seiner freien und dramatischen Erzählweise ein großes Publikum angezogen.

Der Bergfilmer Arnold Fanck hatte sein Talent entdeckt und gemeinsam mit Leni Riefenstahl, hatten sie in Grönland "SOS-Eisberg" gedreht.

Hans Ertl hatte in jenen Jahren begonnen, eine Fülle neuer Filmtechniken zu entwickeln, von denen einige in den Qlympiafilm von 1936 Eingang gefunden hatten. Bei den Schwimmwettbewerben hatte er die Kamera in einen aufgeschnittenen Ball gesteckt und war auf diese Weise zu den ersten Unterwasseraufnahmen gekommen. In Garmisch-Partenkirchen hatte er sich eine Kamera vor dem Bauch gebunden und war vor den verdutzten Augen des Führers von der Skischanze gesprungen.

"Die entfesselte Kamera war geboren", und Ertls Augen strahlten noch immer den Glanz aus wie vor über sechzig Jahren. Seinen Vortrag unterstrich er mit seinen Händen, deren lange Finger durch die Luft wirbelten und deren Haut wie bleiches Pergamentpapier über die Knochen gespannt war.

Er stütze sich auf den Stock, stand aber behende auf "Ich bin kein jünger Hüpfer mehr", verschwand in seiner Kammer und kam mit einem Stapel Bücher zurück, die er auf dem Tisch ausbreitete. Er nahm das Kriegsberichterstatter-Buch zur Hand und hielt es mir entgegen, wie in eine imaginäre Kamera.

Während des 2. Weltkriegs war Hans Ertl als Kriegsberichterstatter eingezogen worden. In der Libyschen Wüste hatte er Freundschaft mit Generalfeldmarschall Erwin Rommel geschlossen, in dessen Panzerwagen er mitfahren durfte.

"Ich bin alles gefahren, selbst britische Beutefahrzeuge mit Rechtssteuerung."

Hans Ertl sprach das Wort "Beutefahrzeug" mit der verschwörerischen Begeisterung eines Piraten aus, und ich stellte mir vor, wie er mit einer Rennfahrerbrille hinter dem "Wüstenfuchs" gesessen hatte, wie in einer Szene aus einem Mad Max Film.

Ertls Begeisterung für Automobile war geboren und währte bis heute. "Hätte ich nur wieder ein Auto, ich fühlte mich glatt 30 Jahre jünger".Vor kurzem hatte ihn ein Holz-Laster mit seinem Landcruiser von der Straße gewischt und war ohne anzuhalten weitergefahren.

Aus der Libyschen Wüste hatte Hans Ertl Beiträge für die Wochenschau geliefert. Die gebratenen Spiegeleier auf Panzerblech hatten nicht nur die deutsche Hausfrau beeindruckt sondern sich tief im Bewußtsein der Nachkriegsgeneration eingeprägt und waren in Deutschland zum Sinnbild des erbarmungslosen Wüstenklimas geworden.

Augenzwinkernd klärte mich Ertl auf, "Alles Trick – wir hatten die Panzerbleche mit dem Schweißbrenner an der Unterseite erhitzt". Solche Tricks hatten ihm die Alliierten nach Kriegsende übelgenommen und als Nazi-Propaganda ausgelegt.

Von der Niederlage der deutschen Truppen in Afrika erfuhr Ertl im Kaukasus, "Meine Freundschaft mit Rommel war in Berlin so manchem Funktionär ein Dorn im Auge gewesen. Ich wurde in den Kaukasus versetzt. Bei +50°C steig ich in Tripolis in die Maschine und landete bei - 50°C." im Gebirge".

Ertl blieb frei heraus und unangepaßt, Charaktereigenschaften, die einen beruflichen Neubeginn beim Rundfunk unmöglich machten. Es war ihm schwergefallen, sich mit den Verhältnissen im Deutschland der Nachkriegszeit zu arrangieren. Er hatte sich deplaziert gefühlt und die erste Chance eine Expedition nach Südamerika auszurüsten, genutzt. Über Rom sollte die Reise mit dem Fährschiff des Vatikans nach Buenos Aires gehen.

Der italienische Außenminister de Gaspari, "ein Kriegskamerad aus der Libyschen Wüste", gab ihm den entscheidenden Hinweis, "Geh nach Bolivien - da findest du alles was Du suchst, ein unentdecktes Land und viele Berge".

In Bolivien hatte er eine unbeschwerte Zeit voller Bergabenteuer erlebt .Hans Ertl hatte die bewundernden Blicke der Zuhörer genossen, wenn er vom Alleinaufstieg zum Illimani-Gipfel 1950 berichtete.

"In der Nacht war ich am Lager von Douglas Moore vorbeigeschlichen. Am nächsten Morgen kam ich ihm vom Gipfel entgegen. Er kämpfte sich mit seiner Schar durch tiefe Schneewehen, während ich mich vom Firnschnee in kurzen Schwüngen nach unten tragen ließ. `Du darfst nicht durch die Schneefelder stapfen, Du mußt dich am Grat entlang halten, wo der Wind den Schnee weggeblasen hat`, riet ich ihm.

"You are a terrible German" hatte Douglas Moore geantwortet, bevor er Ertl beglückwünschte. Der Illimani-Aufstieg hatte Hans Ertl die Auszeichnung "der Gratwanderer" eingebracht.

Die Experten, allen voran Reinhold Messner, halten Ertl für einen der besten Bergsteiger seiner Generation. Viele Alpinisten fanden ihr Grab im ewigen Eis. Ertl kam immer wieder heil herunter.

Lag es an Ertls Charakter, in dem sich Vorsicht und Risikofreude paaren ? Die vielen Abstürze am Berg, die vielen Freunde, die ums Leben kamen, hatten ihn sensibel für die Gefahren der Berge und des Lebens gemacht.

"Das Leben ist uns nur geliehen, wir müssen es zurückgeben", wiederholte er mehrmals an diesem Tag, an dem ich bei ihm auf der Veranda saß.

Trotz der Bergabenteuer in Bolivien hatte Ertl damals seine berufliche Zukunft noch immer in Deutschland gesehen. Seine Filme waren für ein deutsches Publikum bestimmt. 1953 hatte er er im Norden Pakistans die Aufnahmen zu "Nanga Parbat" gedreht. Der Himalayariese war seit den 1930er Jahren zum "Schicksalsberg der Deutschen" geworden. Alle Versuche, den Gipfel zu erklimmen, waren gescheitert. Auch diesmal schien das Unternehmen unter einem schlechten Stern zu stehen, als zur gleichen Zeit einige hundert Kilometer weiter östlich Edmund Hillary und der Sherpa Tenzing Norgay den Mount Everest bezwangen Die Nanga Parbat-Expedition drohte im Medieninteresse um die Eroberung der höchsten Gipfels uneinholbar ins Hintertreffen zu geraten.

Ertl hatte schnell reagiert und auf den gemeinsamen Gipfelaufstieg mit Herman Buhl verzichtet. Damit hatte er den Erfolg der Expedition gerettet, Herman Buhl einen herausragenden Platz in der Bergsteigergeschichte gesichert, und sich selbst den schönsten Film seines Karriere beschert.

Der Alleinaufstieg von Herman Buhl ohne Sauerstoffgerät war eine bergtechnische Meisterleistung. Hans Ertl hatte wochenlang die Rohkopie des Films montiert. Herman Buhls Aufstieg zum Gipfel wird aus Sicht des Bergsteigers erzählt, der von Visionen bedrängt, die ihn wie tanzende Schatten umgeben, seinen Weg zum Gipfel sucht.

Der Film war begeistert aufgenommen worden und machte Ertl zum Anwärter für den Bundesfilmpreis. Doch anstelle der Ehrung kam das berufliche Aus.

"Ich wurde zur Preisverleihung nach Berlin eingeladen. Nach langer Zeit traf ich viele alte Freunde wieder. Innenminister Gerhard Schröder betrat die Bühne. Kurz vor die Preisvergabe wurde ihm von einem Referenten ein Blatt überreicht, das der Innenminister mit einem Blatt in der Mappe austauschte. Da wußte ich noch nicht, daß mein Preis dahin war. Ich lachte mit Attila Hörbiger, der neben mir saß. Schröder rief die Preisträger auf, einen nach dem anderen, ohne daß mein Name fiel. `Wann kommst du endlich an die Reihe`, raunte mir Attila zu, aber ich mußte bis zum Schluß sitzen bleiben und erhielt eine lobende Anerkennung. Eine lobende Anerkennung und dann auch nur für den dokumentarischen Teil des Nanga Parbat Films, wo doch der fiktive Teil, die Visionen des Herman Buhl, die herausragenden Sequenzen meines Filmes sind".

Hans Ertl blieb fortan in Bolivien. Die Innenminister Schröder und Höcherl, zuständig für die deutsche Filmförderung, und der Leiter der Nanga Parbat Expedition Herrligkoffer, der allein die Lorbeeren des Gipfelsieges hatte ernten wollen, geisterten wie Dämonen durch viele einsame Dschungelnächte und Ertl versuchte sie in Spottversen zu bezwingen.

"Nun sind sie alle tot, der Schröder, der Höcherl und der Herligkoffer. Vom Höcherl bleiben höchstens ein paar Knöcherl", dichtete er.

Er lebte mit Frau und Kindern bereits auf der "La Dolorida", als ihn der schwerste Schlag seines Lebens traf.

Die Schergen der bolivianischen Geheimpolizei hatten seine Tochter Monika in La Paz verschleppt und der Vater sollte sie nie mehr wiedersehen. Monika hatte ihre Kindheit und Jugend im Dschungel verbracht

"Sie konnte schießen wie ein Kerl und wurde meine Kamerassistentin".

Vater und Tochter unternahmen Flußexpeditionen zu den Siriono-Indianern. In der steifen Atmosphäre der deutschen Kolonie von La Paz, aus jener Zeit stammte das Golfschlägerset, war das lebenslustige Dschungelmädchen unglücklich geworden. Monika hatte unter den Ungerechtigkeiten der bolivianischen Gesellschaft gelitten und Sympathien für Ché Guevara gehegt. Sie hatte sich in Inti Peredo, einen Weggefährten des Revolutionärs, verliebt. Inti Peredo war durch den Geheimdienstmann Quintanilla gefoltert und getötet worden. Als Quintanilla später Konsul in Hamburg war, wurde er von Monika erschossen.

Zuvor hatte sie den Vater gebeten, die Finca als Ausbildungslager für die Guerrilla zur Verfügung zu stellen.

"Das konnte ich doch nicht machen", sagte Hans Ertl und Tränen standen ihm in den Augen. Der Verlust der Tochter ließ sich nicht in Zeilen bannen.

Der Tag ging zur Neige. Hans Ertl hatte seine Gebirgsjägermütze aufgesetzt. Wir schauten auf die Lagune mit den grasenden Capybaras. Im Hintergrund zeichnete sich die Dschungelfront ab. Vor der Veranda pickten die Pavos .Das Glucksen der Truthähne ließ ihren Kehlsack erzittern. "Fast wie Caruso" kommentierte Hans Ertl.

"Bleib die Nacht hier, du kannst deinen Schlafsack im Gästehaus ausrollen, wir trinken eine Flasche Schaumwein, der schafft schöne Träume", lud er mich ein.

Die Regenwolken zogen in schneller Geschwindigkeit nach Norden. Wir prosteten uns in der Abenddämmerung zu. Hans Ertl war beschwingt, beinahe in Gipfellaune.

"Das Leben hat es gut mit mir gemeint".

Hans Ertl ist am 23. Oktober 2000 gestorben und wurde, seinem Wunsch entsprechend, auf seiner Finca "La Dolorida" beigesetzt. Er wurde 93 Jahre alt.

© Frank Semper 2000